Herbstliche Stille und starke Frauen – Bovallstrand im Wandel der Jahreszeiten


Seit einiger Zeit frage ich mich, wie die Frauen in Bovallstrand, diesem malerischen Fischerdorf an der schwedischen Westküste, die dunkle Jahreszeit verbringen. Keine Cafés, die zum Verweilen einladen, kaum geöffnete Boutiquen oder Restaurants – das Dorf scheint in einen Winterschlaf zu fallen. Und doch: Es lebt. Nur anders.

Seit meiner Ankunft habe ich keine einzige Frau in einem Kleid gesehen. Stattdessen dominieren praktische Kleidung, robuste Schuhe und wetterfeste Arbeitskombis – die berühmte arbetskomvisan. Es ist ein Look, der zur rauen Küstenlandschaft, zum Wind, zur Arbeit draußen passt. Und irgendwie auch zur Haltung: bodenständig, naturverbunden, stark.


Ich machte mich auf den Weg, um mehr zu erfahren. Denn als leidenschaftliche Kaffeetante und Dekoverliebte fehlte mir zunächst das Gewohnte – das Bummeln, das Plaudern bei Cappuccino, das Stöbern nach Schönem.

Doch was ich fand, war eine andere Form von Schönheit: freundliche Gesichter, die mit einem herzlichen Hej oder Heysan grüßen. Jede Frage wird mit Geduld und Wärme beantwortet – man bemüht sich, dass wir verstehen. Es scheint, als würde sich das Leben hier im Herbst und Winter in die Häuser zurückziehen. Die touristische Betriebsamkeit des Sommers weicht einer stillen, häuslichen Gemütlichkeit.

Die Cafés und Läden schließen, und es entsteht Raum für Gemeinschaft, für Rückzug, für das Leben im Rhythmus der Natur. An Feiertagen und zu Weihnachten geht man hinaus – aber meist spielt sich das Leben drinnen ab. Und das mit Stil: Mysig nennen die Schweden dieses Gefühl von wohliger Wärme. Es knistert im Schwedenofen, Kerzen flackern, Zimtschnecken (Kanelbullar) duften, Tee dampft in den Tassen. Die Kleidung wird weicher, die Gespräche tiefer.

Spaziergänge durch die herbstliche Natur gehören dazu – Pilze, Kastanien, Hagebutten und Gräser werden gesammelt und liebevoll dekoriert. Die Farben des Herbstes werden nicht nur gesehen, sondern zelebriert.


Für Hannes und mich war das zunächst ungewohnt. Freddy und Chico hingegen waren sofort begeistert. Aber genau das hatte ich mir gewünscht: Rückzug, Stille, Lesen, Gemütlichkeit, Neuorientierung – und Raum für mein Herzensbusiness. Das Universum hat geliefert.

Auch kulinarisch tauchen wir immer tiefer ein. Zimtschnecken, herzhafte Eintöpfe und duftende Backwaren gehören nun fest zu unserem Alltag. Bei Henrik Ollsons Lunch erleben wir die Fischerwelt auf dem Teller. Das traditionsreiche Fiskaffär ist ein kulinarisches Kleinod. Vorspeisen, stilles Wasser, Hauptgericht – und danach selbstverständlich Kaffee und Kuchen. Die Frau des Hauses bäckt himmlisch. Ihr Lächeln, als ich sie lobte, war unbezahlbar.


Das Publikum? Authentisch. Fischerfamilien, die seit Generationen hier leben. Der Hafen, gesäumt von roten Bootshäusern (sjöbodar), erzählt Geschichten von harter Arbeit und tiefer Verbundenheit mit dem Meer.

Heute gab es Fiskpudding – ein kulinarisches Rätsel, das sich als Gaumenschmaus entpuppte. Die Bestellung war ein kleines Abenteuer, die Überraschung umso größer.

Langsam kommen wir an – in der Stille, in der Kultur, im Rhythmus dieses besonderen Ortes. Wir entschleunigen, entdecken, genießen. Selbst das Wetter, das zwischen Sonnenschein und Sturm wechselt, hat seinen ganz eigenen Charme.

Heute feiern wir unseren ersten Monat in Bovallstrand. Zwei weitere liegen vor uns – und wir freuen uns auf jeden einzelnen Moment in diesem außergewöhnlichen Fischerdorf.

Bovallstrand hat uns gelehrt, dass wahre Schönheit oft in der Stille liegt – in der Natur, im Miteinander und in den kleinen, warmen Ritualen des Alltags. Genau hier, zwischen rauem Küstenwind und duftenden Zimtschnecken, beginnt unsere ganz persönliche Schwedenzeit.

L8ve Martina 

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